Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Institut für Archäologie

Beispiel für die enge Verknüpfung von Text und Bild

Das untenstehende Relief aus dem Tempel in Luxor illustriert sehr anschaulich das besondere Potential multimodaler Kommunikation im pharaonischen Ägypten. Hier sehen wir, wie die bildliche Darstellung von Göttern und Pflanzen mit der Ikonizität eines Schriftzeichens interagieren.

Abb.:Kelly Accetta

Das Schriftzeichen, das zur Veranschaulichung hier noch einmal isoliert abgebildet ist, ist ein Logogramm und ist lautsprachlich als smA ‚vereinigen, Vereinigung‘ zu lesen.

zmA Hiero.png

 

 

In einer Modifikation dieses Schriftzeichens sind zwei Pflanzen, ein Lotos (Symbol für Oberägypten) und eine Papyrus (Symbol für Unterägypten) in das Logogramm integriert, so dass ein neues Schriftzeichen für den Begriff ‚Vereinigung von Ober- und Unterägypten‘, eine Eigenbezeichnung für das pharaonisch-ägyptische Reich, erzeugt wird.

Die Ausschöpfung ikonischer Potentiale der Hieroglyphenschrift für die Erzeugung neuer Schriftzeichen ist eine Forschungsaktivität unseres Lehrbereichs, s. hier für einen Aufsatz, der sich mit dem Thema befasst (Lincke & Kutscher 2012).

 

Abb.:Aus Heinrich Schäfer (1922)

Im Relief an der Wand des Tempels in Luxor wird nun dieses Schriftzeichen als Objekt einer Handlung in ein Bild integriert, bzw. es entsteht in der dargestellten Handlung: Wir sehen zwei Personen, die jeweils einen Papyrus- bzw. einen Lotosblumenstengel um ein Objekt schlingen, das wie das Schriftzeichen smA ‚vereinigen/Vereinigung‘ geformt ist.  Die beiden dargestellten Pflanzen sind die Lotosblüte als Symbol für Oberägypten und der Papyrus als Symbol für Unterägypten. Ebenso sind die beiden dargestellten Götter, die die Pflanzen um das Schriftzeichen schlingen, jeweils Schutzgötter bzw. Symbole für Ober- bzw. Unterägypten. Die auf dem Relief dargestellte Komposition aus Bild- und Schrift-Elementen ist somit als Ausdruck für die Vereinigung von Ober- und Unterägypten zu einem gemeinsamen Reich zu lesen und stellt so insgesamt den Begriff ‚Vereinigte Länder Ober- und Unterägypten‘ dar. Diese Art des Verwebens zweier unterschiedlicher semiotischer Modi wird möglich durch die Spezifika der graphischen Formeigenschaften der ägyptischen Hieroglyphenschrift und der Gestaltungscharakteristika ägyptischer Bildkunst. Diese Besonderheit der ägyptischen graphischen Kommunikationsformen bietet ein spannendes und hinsichtlich semiotischer und multimodalitätsspezifischer Eigenschaften einzigartiges Untersuchungsfeld, das sich in seinen Prinzipien und Potentialen stark von denen der Text-Bild-Kompositionen mit Alphabetschriften unterscheidet, aber bislang in dieser Hinsicht wenig untersucht wurde.