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Abb.: Wolfgang Filser

Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Winckelmann-Institut

Das Teilprojekt B10 des SFB 644

Teilprojekt B 10

„Aneignung antiker Skulptur ab dem 16. Jahrhundert. Wahrnehmung und Kanonisierung“

 

Unsere bisherige Forschung an ergänzten antiken Bildwerken, vor allem Apollon-Statuen, hat gezeigt, dass die ergänzenden Bildhauer sich anscheinend weniger nach den Schriften der Antiquare als vielmehr nach einzelnen, berühmten antiken Werken bzw. nach der zeitgenössischen Kunstproduktion gerichtet haben. Die direkte Auseinandersetzung der Bildhauer mit den antiken Bildwerken soll in dem neuen Teilprojekt genauer untersucht werden. Dabei wird sich das Projekt in unterschiedliche, zueinander komplementäre Richtungen bewegen, der Blick richtet sich dabei vornehmlich auf die Prozesse der Wahrnehmung und der Imitation antiker Skulptur. Bislang vorgesehen sind folgende drei Unterprojekte, ein viertes wird demnächst dazukommen.

 

Im ersten Unterprojekt (Luca Giuliani/Susanne Muth) wird ein einziges, rasch kanonisch gewordenes Bildwerk in den Blick genommen: die berühmte Laokoon-Gruppe im Vatikanischen Belvedere-Hof. Dieses schon in der Antike gefeierte ‚Meisterwerk’ bestand bei seiner Auffindung zunächst aus mehreren Fragmenten, die im Vatikan zusammengefügt, gesockelt und ergänzt wurden. Dabei entstand ein neues Werk, das sich mit Fug und Recht als eines der Hauptwerke der Skulptur des frühen 16. Jahrhunderts ansprechen lässt. In UP 1 soll geklärt werden, von welcher antiken Substanz die Ergänzer damals ausgegangen sind, welche Probleme sich bei der Ergänzung ergaben und wie bzw. warum diese so gelöst wurden. Im Zentrum steht somit die Frage nach der transformierenden Genese eines kanonischen Werks, das wie kaum ein anderes paradigmatische Wirkung entfaltet und unsere Vorstellung von „Antike“ nachdrücklich geprägt hat.

 

Das zweite Unterprojekt (Astrid Dostert, GA) widmet sich der Frage, was die Betrachter der frühen Neuzeit an einer Skulptur als spezifisch „antik“ empfun­den haben. Welche Kriterien und welche Eigenschaften spielten dabei welche Rolle? War es das Alter des Stückes, die Ikonographie oder der Stil? Und wie haben Zeitgenossen die neuzeitlichen Ergänzungen der antiken Torsi empfunden? Sahen sie überhaupt eine Diskrepanz zwischen antiken und neuzeitlichen Elementen – und falls ja: warum hat es sie, zumindest in der Zeit vor der Mitte des 18. Jahrhunderts, offenkundig nicht irritiert? Unser Wissen um die Sehgewohnheiten des damaligen Publi­kums bleibt meistens sehr vage. Auf der Grundlage einschlägiger, jedoch heterogener und selten herangezogener Text soll in UP2 die Wahrnehmung ergänzter Skulp­turen systema­tisch untersucht und geprüft werden, was als ‚antik’ verstanden, angesehen und geschätzt wurde?

 

Komplementär dazu wird sich das dritte Unterprojekt (Sascha Kansteiner) mit Werken neuzeitlicher Bildhauer befassen, die sich möglichst eng an antiken Vorbildern orientierten und diese in einer Weise nachschufen, die als authentisch akzeptiert wurde: nicht nur von den Zeitgenossen, sondern auch von nachfolgenden Generationen und sogar selbst von der archäologischen Forschung. Die Antikenfälschungen, um die es in UP 3 geht, sind allerdings nicht nur für den damaligen Kunstmarkt erhellend: An ihnen ermessen wir vielmehr die bis heute anhaltende Wirkungsmacht der neuzeitlich konstruierten Antike: die Dekonstruktion der Fälschungen betrifft auch und nicht zuletzt die Vorstellung von Antike in unseren eigenen Köpfen.