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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Institut für Archäologie

Pi-Ramesse/Ramses-Stadt

(seit 2016, Projektleitung: Alexandra Verbovsek in Kooperation mit Regine Schulz, Roemer- und Pelizaeus Museum, Hildesheim und Henning Franzmeier, Università di Bologna, Bologna)

 

Projektwebsite: https://qantir-piramesse.de/

 

Im Jahr 1980 begann die systematische Erforschung der Überreste der Ramses-Stadt durch ein Team des Roemer- und Pelizaeus-Museums Hildesheim. Seit 2017 ist der Lehrbereich Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas der Humboldt-Universität als Kooperationspartner an diesem Projekt beteiligt.

Die Ramses-Stadt wurde um ca. 1300 v. Chr. an einem strategisch äußerst günstig gelegenen Ort im östlichen Nildelta gegründet und ersetzte damit Memphis als nördliche Haupt- und Residenzstadt Ägyptens. Die neue Stadt, die als „Haus-des-Ramses-geliebt-von-Amun-groß-an-Macht-des-Re-Harachte“ bezeichnet wurde, spielte für ca. 200 Jahre eine zentrale Rolle. Von hier aus regierte Ramses II., der den Ort innerhalb weniger Jahre nicht nur mit Tempel- und Palastbauten, sondern auch mit einer für Ägypten sonst in dieser Weise nicht belegbaren Militärbasis ausstattete.

Mit einer geschätzten Gesamtausdehnung von ca. 15 km² handelt es sich bei der Ramses-Stadt um eine der größten antiken Metropolen des östlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens. Hier wohnten und arbeiteten nicht nur Ägypter, sondern auch zahlreiche Ausländer, z. B. aus der Levante. Durch sie und spezifische Dinge bzw. Güter, die sie mitbrachten, wurde die Stadt zu einem kulturellen Schmelztiegel, der in historischer, archäologischer und technologischer Hinsicht zahlreiche Forschungsperspektiven bietet.

 

Abb. 1: Blick auf den modernen Ort Qantir (Foto: A. Krause)

 

Die Überreste der Ramses-Stadt liegen heute nahezu unsichtbar unter den landwirtschaftlich genutzten Feldern in der Nähe der modernen Ortschaft Qantir, ca. 100 km nördlich von Kairo und 80 km westlich von Ismailia. Lediglich ein überdimensionales Fußpaar, das ursprünglich zu einer etwa 10 m hohen Sitzstatue Ramses’ II. gehörte, verweist auf die einstige Größe dieses Ortes, denn der wesentliche Teil der aus Stein geschaffenen Bauten und Statuen wurde nach der Aufgabe der Stadt als Residenz von späteren Generationen als Steinbruch genutzt. 

 

Abb. 2: Die Füße einer Kolossalstatue Ramses’ II. (Foto: A. Krause)

 

Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur einen Beitrag zur Erforschung der Stadtstruktur und Siedlungsentwicklung zu leisten, sondern auch die daraus ablesbaren sozialen Korrelationen zu ermitteln. Die Tatsache, dass im Gegensatz zur Ramses-Stadt viele andere altägyptische Städte z. B. durch moderne Überbauung, den jahrhundertelangen Abbau und die Wiederverwertung von Baumaterialien oder landschaftliche Veränderung, wie etwa die Verlagerung der Flussarme, nahezu unerforschbar geworden sind, erhöht die Bedeutung des Projekts. Mit der Ramses-Stadt rückt eine geografische Region Ägyptens in den Fokus, die lange Zeit kaum Beachtung fand, obwohl sie eine wichtige Verbindung zu den Zentren des syropalästinensischen Raums und weiter nach Mesopotamien, der Türkei und Griechenland herstellt. Deshalb ist es ein erklärtes Teilziel des Projekts, sich besonders den Fragen nach überregionalen Zusammenhängen in Hinblick auf kulturellen Austausch, Technologietransfer und Handelsbeziehungen zu widmen.

Die Tatsache, dass die archäologischen Stätten im Fruchtland des Nildelta akut bedroht sind, erhöht die Dringlichkeit des Projekts, denn nur wenige, meist kleine Flächen dieser Region stehen unter dem Schutz der Antikenverwaltung. Die archäologischen Befunde der restlichen Areale sind insbesondere durch eine immer intensivere Landwirtschaft mit dem Einsatz größerer Maschinen sowie durch das starke Wachstum moderner Siedlungen in großer Gefahr.

 

Abb. 3: Blick auf den Grabungsplatz Q VIII im Herbst 2016. Im Hintergrund ist die unmittelbar anschließende moderne Bebauung sichtbar. (Foto: Robert Stetefeld)

 

Im Jahr 2016 begannen die Arbeiten am bislang letzten Grabungsplatz Q VIII. Dieser wurde anhand der Ergebnisse von magnetischen Messungen ausgewählt, die einen monumentalen Gebäudekomplex zeigten, der schon aufgrund seiner Größe mit der königlichen Sphäre in Verbindung stehen dürfte. Da er direkt am Rande des modernen Qantir liegt und unmittelbar von Überbauung bedroht ist, ergibt sich eine besondere Priorität (Abb. 3). Der Komplex, der eine Größe von mindestens 150x200 m, also ca. 3 ha, bedeckt, besitzt offensichtlich eine ganze Anzahl verschiedener funktionaler Einheiten. Umschlossen von einer monumentalen Lehmziegelmauer liegen im Norden Strukturen, die vermutlich als Magazine identifiziert werden können. Im südlichen Bereich befindet sich das zentrale Areal mit den wichtigsten Bauelementen, darunter Räume von bis zu 300 m² Fläche und Säulenstellungen. Dazwischen sind Höfe und Wege zu identifizieren, die die Einheiten gleichermaßen trennen wie auch verbinden. Die für die Grabung ausgewählte Fläche von ca. 3.500 m² erfasst verschiedene Teile der Bebauung, darunter auch solche, die durch eine nicht symmetrische Anlage auffallen.

Die Ergebnisse der ersten kleinen Grabung aus dem Herbst 2016 sind vielversprechend. So wurde eine als Baustelle gedeutete Fläche freigelegt, die unter anderem eine Mörtelgrube beinhaltete, die mit Fragmenten farbenprächtiger Wandmalereien verfüllt war. Dies bestätigt, zusammen mit anderen qualitativ hochwertigen Funden, die Zuweisung des Areals in einen königlichen Kontext.