Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Winckelmann-Institut

Abstract Rosaria Perrella

 

Die villae marittimae der Halbinsel von Sorrent

 

Die villae marittimae (= luxuriöse Villen, die direkt am Meer gelegen sind) der sorrentinischen Halbinsel (Süditalien) stellen die manifestesten archäologischen Reste römischer Zeit in einem Territorium dar, welches sich von der antiken Stadt Stabiae bis zur Landmarke Punta della Campanella erstreckt. Bekannterweise erwarben oder erbauten eine lange Reihe berühmter Römer Villen am Golf von Neapel wegen der Schönheit der Landschaft, des reichen Bodens und des milden Klimas. Solche Villen wurden häufig in hervorragenden Aussichtslagen errichtet mit Portiken, welche teilweise einen direkten Zugang zum Meer und zur umliegenden Landschaft erlaubten. Eine beachtliche Vielzahl solcher Anlagen lässt sich auch heute noch erahnen aufgrund der zahlreichen von nacktem Auge sichtbaren Ruinen auf der Halbinsel von Sorrent. Entsprechende archäologische Reste folgen sich in kontinuierlicher Reihe vom Hügel von Varano in der Nähe von Stabiae bis zur Landmarke Punta della Campanella und setzen sich darüber hinaus bis zur Insel von Capri fort. Die gesamte geologische Terrasse aus Tuffstein in ursprünglich unberührter Landschaft muss man sich in römischer Zeit als dichte Abfolge von Portiken, Aussichtsterrassen, offenen und unterirdischen Strandzugängen, Nymphäen und Fischbecken vorstellen. Öffentliche und private Anlegestellen vervollständigten die direkten Bezüge zum Wasser dieser luxuriösen Anlagen. Der Hauptteil dieser Villen wurde in der relativ kurzen Periode zwischen dem Ende des 1. Jhs. v.Chr. und der Mitte des 1. Jhs. n.Chr. erbaut, wie aus Beobachtungen zum Mauerwerk und Oberflächenfunden hervorgeht. Diese Zeitspanne entspricht ziemlich genau der intensiven Nutzung der Gegend unter Kaiser Augustus, der nicht nur die Insel Capri erwarb sondern auch seinem Adoptivsohn Agrippa Postumus eine der Küstenvillen übereignete, bis hin zum dauerhaften Aufenthalt des Kaisers Augustus auf Capri von 27 bis 37 n.Chr. 

Hauptziele der Arbeit sind eine vollständige Bestandesaufnahme der sichtbaren Reste von villae marittimae auf der sorrentinischen Halbinsel und deren typologische Erfassung und Einordnung als architektonisches Phänomen in Kampanien. Die bisherige Forschung hat nur eine ausgewählte und, wie sich zeigen wird, stark reduzierte, Anzahl von entsprechenden Villen überhaupt erfasst. Im Verlauf der Arbeit soll eine systematische Erfassung und Aufnahme mittels Begehungen (Survey) erfolgen, um einen vollständigen Überblick des Phänomens der villae marittimae im 1. Jh. v. und 1. Jh. n.Chr. zu erhalten. Verlässliche Pläne der Anlagen und Beobachtungen zur Innendekoration sollen das Studium der Villen vervollständigen, um Beobachtungen zum Verhältnis von Innen- zu Aussenraum und zum sozialen Status der Besitzer zu ermöglichen. Die Arbeit darf eine besondere Wichtigkeit und Dringlichkeit beanspruchen, weil diese in weiten Teilen von modernen Bauaktivitäten verschonte Gegend aufgrund immer knapper werdender Ressourcen zunehmend von entsprechenden Begehrlichkeiten bedroht ist. Nur mit einer verlässlichen Dokumentation der antiken Reste kann deren künftige Zerstörung verhindert werden.