Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Winckelmann-Institut

Vom Steckbrief zum Modell

Wissenschaftliche Recherche

Um eine virtuelle Rekonstruktion herzustellen ist eine eingehende wissenschaftliche Recherche der unabdingbare erste Schritt. Da die Monumente am Forum unterschiedlich gut überliefert sind, sind es jeweils andere Herangehensweise die für eine wissenschaftliche Rekonstruktion notwendig sind. Alle Informationen, die zu einem Bau bekannt sind, werden in einem Steckbrief gesammelt, auf dessen Basis die Rekonstruktion erfolgt.

Befund

Zuerst wird den Befund auf Hinweise auf dem Aufbau der antiken Struktur überprüft. Manchmal ist es aufgrund des guten Erhaltungszustandes allein aus dem Befund möglich, eine Rekonstruktion zu erstellen. Da der Faustinatempel zum Beispiel in einer Kirche umgewandelt wurde, ist der antike Bausubstanz sehr gut erhalten. Der Septimius-Severus-Bogen steht seit seiner Errichtung faktisch unverändert bis zur heutigen Zeit auf dem Forum. Auf dieser Grundlage beruhen die virtuellen Rekonstruktion der jeweiligen Monumenten.

Auch wenn der antiken Bau nicht komplett überliefert ist, lassen sich Rekonstruktionen aufgrund der Fundamentresten und sonstigen erhalten Architekturteilen herstellen. Zum Beispiel ist vom Podium des Caesartempels genug in situ erhalten, um den Aufbau wiederzugeben. Einige wenige Architekturfragmente ermöglichen eine Rekonstruktion des weiteren Aussehens des Tempels.

Andere Quellen

In dem Moment, wo der Befund nicht ausreicht, um eine vollständige Rekonstruktion zu erstellen, müssen andere Quellen herangezogen werden. Einige bildliche Quellen, zum Beispiel Münzen oder Reliefs, stellen einzelne Bauten des Forums dar und können - mit enstprechender Beachtung der möglichen Veränderung der Darstellung des Baus entsprechend des Mediums - als Hinweis für die Rekonstruktionen genutzt werden.

Antike Autoren beschreiben vereinzelt die Errichtung und das Aussehen der Gebäude am Forum. Solche Hinweise fließen auch in die Rekonstruktion hinein. So ist zum Beispiel für das Caesartempel nur aus den bildlichen und schriftlichen Quellen - nicht im Befund - bekannt, dass die Schiffsschnäbel aus dem Schlacht bei Actium an die Rostra des Tempels angebracht waren.

Vergleichsbeispiele

Manchmal sind Bauten nur in den Schriftquellen überliefert. Weder im Befund noch in anderen bildlichen Quellen finden sich Anhaltspunkte für das Erscheinungsbild. Trotzdem sollen auch diese Monumente - mit entsprechender Hinweis auf die Lückenhaftigkeit der Überlieferungssituation - in das Modell ihren Platz finden. In diesem Fall muss man zu Vergleichsbeispiele greifen. Die Basilica Opimia zum Beispiel wird nur in den literarischen Quellen erwähnt, der Bau ist im Befund nicht identifizierbar. Somit müssen andere, gesicherte Basilikas aus der gleichen Zeit für die Rekonstruktion Pate stehen.


Rekonstruktion

Auf der Grundlage des Steckbriefes kann nun mit der Rekonstruktion angefangen werden. Damit ist aber der wissenschaftliche Prozess noch nicht abgeschlossen, denn oft treten erst bei dem Versuch, eine Rekonstruktion zu erstellen, Schwierigkeiten mit den altangesehenen Rekonstruktionsvorschläge in Erscheinung. Mit Hilfe der virtuellen Rekonstruktion sind – gegenüber 2D Rekonstruktionen – Änderungen und Neuversuche einfacher. Durch solche Versuche lässt sich die Gestalt der Basilica Opimia zum Beispiel weiter präzisieren. Während für den Aufbau nur Vergleichsbeispiele und keinen Befund zur Verfügung stehen, verdeutlicht ihre Positionierung im Modell was für Größenverhältnisse möglich waren – und wie sich diese ändern, sobald man sie an eine andere Position verschiebt. Auch ist die Notwendigkeit, sich für eine Rekonstruktion zu entscheiden, nicht so zwanghaft – denn mit einem Klick erscheint eine weitere mögliche Rekonstruktionsvariante.

Die genaue Vorgehensweise und Probleme, die bei den Rekonstruktionsversuchen auftauchen, werden im Steckbrief festgehalten. Jeder Bauteil bekommt in der Dokumentation eine genaue Erklärung, warum dieses Aussehen wahrscheinlich ist. Wenn etwas nicht eindeutig zu entscheiden ist, wird dies vermerkt und entsprechend auf mögliche Rekonstruktionsvarianten hingewiesen werden. Jedes der Modelle unserer Rekonstruktion des Forum Romanums ist also in ihrer Entstehungsprozess transparent und für wissenschaftliche Fragestellungen brauchbar.

-ErG