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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Winckelmann-Institut

Zur Geschichte der Zweigbibliothek Klassische Archäologie



1809/10 wurde die Universität Berlin gegründet. Ihre Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur hatte man anfangs zusätzlich der ehrwürdigen Königlichen Bibliothek aufgebürdet, aber das ging nicht gut. Schon 1831 kam es daher zur Einrichtung einer separaten Universitätsbibliothek, die sich nach bescheidenen Anfängen zu einer der größten Universitätsbibliotheken Deutschlands entwickelte.

In den Frühzeiten des Archäologieunterrichts an der Universität Berlin trafen wenige Studenten in einem kleinen Raum einen Professor, hörten sich dort eine Vorlesung an oder nahmen an gemeinsamen Übungen teil. Dazu wünschte man sich unabhängig von der Universitätsbibliothek Bücher in Reichweite, um sie zu Illustrationszwecken direkt im Unterricht einzusetzen (Diapositive gab es noch lange nicht) oder als Lektüre für die Studierenden vorzuhalten. Diese Handbibliothek, ergänzt um eine allmählich anwachsende Objektsammlung, nannte sich „Archäologischer Apparat“ und bestand seit 1851. Unvorstellbar in den heutigen Zeiten ausufernder Literaturlisten empfahl der Professor (der erste offizielle war Eduard Gerhard), „einer zerstreuenden und bunten Lectüre entgegenzuwirken. […] Die archäologische Litteratur ist von so bunter Beschaffenheit, dass es von größter Wichtigkeit ist, den Anfänger von deren Auswüchsen zurückzuhalten und statt dessen Schriften ihm zu überweisen, die durch Inhalt und Methode ihm leitend sein können.“

 


Der Lauf der Zeit und mit ihr die zunehmende Spezialisierung waren allerdings nicht aufzuhalten. Die Studienbibliothek wandelte sich noch bis zur Jahrhundertwende zu einer ernstzunehmenden Fachbibliothek und folgte damit einem allgemeinen Trend der Ausbildung von lokalen „Institutsbibliotheken“ in den wissenschaftlichen Einrichtungen. Mit der „Institutsbibliothek“ konnten mehrere für Lehre und Forschung wichtige Anliegen erfüllt werden: Die Bücher waren am Ort archäologischer Arbeit – Studium oder Forschung – direkt zur Hand. Dieser Ort war durch die Büros des Personals des „Archäologischen Seminars“ (so hieß die Einrichtung seit 1912) und durch die Unterrichtsräume definiert, die sich effizient um den Ort der Bibliothek und der Sammlungen ergänzten. Diese geschlossene Topographie führte alle an der Universität mit Archäologie befassten Personen ohne Umstände zusammen, sei es zu den festen Terminen der Veranstaltungen, sei es zur individuellen Arbeit mit den Büchern und Objekten. Sie förderte den beständigen offiziellen und inoffiziellen fachlichen Austausch. Mit diesem Ort der Kommunikation und Konzentration verbanden sich großzügige Öffnungszeiten: Hatte man die kleine Studienbibliothek nur an zwei Nachmittagen in der Woche jeweils für zwei Stunden der „studirenden Jugend“ geöffnet, so stand die stark angewachsene Fachbibliothek noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges für jeweils neun Stunden an jedem Arbeitstag zur Verfügung.
1919 bezog die Bibliothek diejenigen Räumlichkeiten im neu errichteten Westflügel des Universitätsgebäudes, die sie bis heute belegt. Seit dieser Zeit und einer baulichen Anpassung Mitte der 1930er Jahre weisen der Lesesaal und die Untere Photothek das vertraute Erscheinungsbild mit den durch Regale bestimmten Kompartimenten, der Galerie sowie den Spezialmöbeln für die in der Archäologie üblichen Sonderformate auf.


Im neuen Domizil wuchs der Bibliotheksbestand kontinuierlich: Seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat er sich von ca. 5000 auf ca. 11.000 Bände mehr als verdoppelt. Anhand der „Seminarbücher“ können wir uns ein Bild machen, wer an den Bibliothekstischen gesessen und gearbeitet hat. Die Listen der Seminarteilnehmer lesen sich zeitweilig wie ein „Who’s who“ der Klassischen Archäologie und der Kunstgeschichte. Die Zeiten von „Erasmus“ waren noch fern, dennoch finden sich etliche ausländische Studierende verzeichnet. Die Listen lassen auch erkennen, dass seit 1933, in manchen Fällen einige Jahre später, bestimmte Namen nicht mehr auftauchen. Rassistische Verfolgung beraubte etliche Studierende nicht nur des Privilegs des Studiums in der Abgeschiedenheit der Bibliothek, sondern auch der Studiermöglichkeit als solcher, der Chancen einer beruflichen Laufbahn in der Archäologie und schließlich auch des Lebensrechts. Von den hoffnungsvollen jungen Menschen, die 1932 als Teilnehmer der Lehrveranstaltungen die Bibliothek frequentierten, haben einige die Verfolgung nicht überlebt. Die Bibliotheksräume sind in dieser Hinsicht ein Gedächtnisort, wie es ihn in der Universität heute kein zweites Mal mehr gibt.  

Als der Zweite Weltkrieg auf Deutschland und Berlin zurückfiel, wuchsen in der Universität die Befürchtungen, die Bomben könnten auch die Buchbestände gefährden. So wurde die Bibliothek zunächst – zusammen mit der Privatbibliothek des Institutsleiters Gerhart Rodenwaldt – in den Keller verbracht. In das Kellergeschoss verlagerten sich auch mehr und mehr die Aktivitäten des Instituts, z.B. der Lehrbetrieb. Rodenwaldt gelang es im Sommer 1944, die Bücher der ‚Kellerbibliothek‘ größeren Evakuierungstransporten aus Berlin heraus zuzuschlagen: So gelangten seine eigenen Bestände mit einem Transport für die Akademie der Wissenschaften in die Schächte eines Salzbergwerks in Bernburg an der Saale, 144 Kisten mit Büchern der Institutsbibliothek landeten als Beipack eines Kunsttransports der Staatlichen Museen ebenfalls in einem Salzbergwerk, in diesem Falle im niedersächsischen Grasleben bei Helmstedt. Lediglich Bücher aus ‚Randgebieten’ waren aus Kapazitätsgründen in Berlin verblieben. Mengenmäßig betrachtet, waren gut 7.000 Bände ausgelagert und gut 3.000 Bände in der Universität zurückgeblieben.

In der Schlussphase des Krieges waren die Räumlichkeiten der Klassischen Archäologie, die seit 1941 als „Winckelmann-Institut“ firmierte, durch Bombentreffer beschädigt worden, doch mit Wiedereröffnung der Universität Anfang 1946 setzte auch hier der Lehrbetrieb wieder ein. Allerdings fehlten die wichtigsten Bücher. Der Unterricht gestaltete sich der Not gehorchend daher zunächst wie ein Jahrhundert zuvor — anhand weniger Überblicks- und Standardwerke. Sonderzuwächse schufen erste Abhilfe: Laut Testament stand dem Institut die Privatbibliothek Gerhart Rodenwaldts zu, der sich in den letzten Kriegstagen selbst das Leben genommen hatte. Das Gros der Bibliothek Rodenwaldt wurde jedoch in Bernburg konfisziert und in die Sowjetunion verbracht, in die Bibliothek im Winckelmann-Institut kehrten lediglich fünf Kisten zurück. Wichtiger wurden die Ankäufe aus den Nachlass von Karl Anton Neugebauer bzw. aus dem Besitz von Hans Schrader. Auch gaben andere Universitätsinstitute Bücher aus ihren Bibliotheken ab, vor allem das Institut für Historische Geographie. Die Bücher aus Vorbesitz Rodenwaldt, Neugebauer und Schrader bzw. aus anderen Institutsbibliotheken sind bis heute gut an den Nachlass- bzw. Vorbesitzstempeln zu erkennen.

Die heraufziehende Teilung Deutschlands blockierte die Rückführung des Hauptteils der Bibliothek aus Grasleben — in der britischen Besatzungszone gelegen — in die Universität in Ost-Berlin. Nach einer Zwischenstation im zentralen Kunstgutlager auf Schloss Celle wurden die 144 Kisten 1952 nach West-Berlin geflogen, um der an der Freien Universität eingerichteten Klassischen Archäologie als Gründungsbibliothek zu dienen. Die Masse der heute im Winckelmann-Institut vorhandenen bis 1944 erschienenen Publikationen ist also in der Nachkriegszeit neu beschafft worden, die Bücher kamen aus zweiter Hand in die Universität und hatten daher bereits eine Vorgeschichte. Beschaffungswege und Zusammensetzung dieses Bestandssegmentes spiegeln eines der dramatischsten Kapitel deutscher Bibliotheksgeschichte. In der sowjetischen Besatzungszone sowie in der frühen DDR wurden viele Bibliotheken aufgelöst oder enteignet und dadurch enorme Buchmassen umgesetzt. Auch das Winckelmann-Institut profitierte von dieser Umverteilung, wie z.B. Besitzstempel vormaliger Schulbibliotheken lehren.

Prinzipiell standen der Bestandsaufbau der Bibliotheken sowie die Verteilung und der Handel mit Büchern aus Vorbesitz nach 1945 unter einem gewichtigen Vorbehalt: Die Alliierten hatten nationalsozialistische und militaristische Publikationen auf einen Index gesetzt; Bücher auf diesem Index waren ursprünglich zur Vernichtung, schließlich aber mindestens zur Sperrung bestimmt. In den westlichen Besatzungszonen kam eine kürzere Liste zur Anwendung, die Verbote wurden ohne großen Nachdruck umgesetzt. In der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR galt eine sehr viel umfangreichere, mehrteilige Liste, die im Prinzip strikt und streng angewandt wurde. Die Bibliothek im Winckelmann-Institut bewahrt jedoch einzigartige Zeugnisse der Paradoxien, die die Zensurpraxis im Einzelfall und im Windschatten der großen Institutionen ausgebildet hat.
Indizierung und Zensur hatten zunächst in Bestandskontrollen und Bibliothekssäuberungen zu münden. Ausgesonderte Bestände waren in die zentrale Sperrbibliothek der Berliner Staatsbibliothek abzuführen. Die Universitätsbibliothek wurde entsprechend kontrolliert und kam dem Säuberungsbefehl penibel nach, im Winckelmann-Institut mit seiner Rumpfbibliothek kümmerte man sich nicht um die Bestimmungen. So wurden dort noch 1953 indizierte und unzweifelhaft rassistische Literatur festgestellt und im selben Jahr an die Staatsbibliothek abgegeben. Auch bei den Wieder- und Neuankäufen fand NS-affine Literatur Eingang in die Bibliothek. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Werke durchaus im DDR-Antiquariatshandel beschafft werden konnten. Zum Teil weisen die anrüchigen Bücher kosmetische Retuschen wie Schwärzungen oder überklebte Zeilen auf.

Säuberung und Zensur orientierten sich nicht allein an festen Listen, sondern schlossen die Pflicht ein, nach eigenem Ermessen weitere, nicht-indizierte Bücher zu entfernen, wenn sie den Säuberungskriterien („Entnazifizierung“, „Entmilitarisierung“) entsprachen. Entsprechend konnten lokale Komitees Buchbestände durcharbeiten und Prüfungen mit Unbedenklichkeitsstempeln dokumentieren. Die Arbeit dieser Komitees ist schlecht erforscht, die Bibliothek des Winckelmann-Instituts bewahrt hierzu in ihren Beständen versteckt einiges an Anschauungsmaterial, vor allem aus Norddeutschland.

Sorgfältig von den anderen Schriften in einem eigenen Signaturenbereich „Ges“ (für „Gesellschaft“?) abgeteilt, fand nicht-archäologische sozialistische Grundlagenliteratur Eingang in die Bibliothek. Sie wurde z.T. geschenkt, zum größeren Teil aber aus Etatmitteln erworben. Es ist auffällig, dass dieser Signaturenbereich schon 1984 in Gänze aufgelöst und der Bestand abgegeben, in Teilen sogar makuliert wurde.

Ein großer Teil der Fehlbestände war antiquarisch nicht zu beschaffen. Oft behalf man sich daher mit fotografischen Reproduktionen ganzer Bücher. Zeitweilig wurden dazu die Dienste der seit 1950 arbeitenden „Zentralstelle für Wissenschaftliche Literatur“ (seit 1957 „Institut für Dokumentation“) in Anspruch genommen, die für die DDR anderweitig nicht beschaffbare (oder zu teure) westliche Literatur kopierte. Diese Kopien waren sehr teuer und wirkten sich ruinös auf den Buchetat des Winckelmann-Instituts aus. Es war eine glückliche Fügung, dass bald ein universitätseigenes Labor entsprechende Kopien unentgeltlich anfertigte. Schließlich wurde auch im Winckelmann-Institut selbst ein Fotolabor eingerichtet, das ebenfalls mit Buchreproduktionen beauftragt wurde. Reprobücher aus dieser Zeit finden sich bis heute gelegentlich im Bestand. Auch Mikroverfilmungen von Fehlbeständen wurden vorgenommen.

Bis in die 1960er Jahre entwickelte sich die Beschaffung neuer Literatur aus fachlicher Sicht einigermaßen zufriedenstellend, erst seit den 1970ern kam es aus ökonomischen Gründen zum Einbruch, da die „Kontingentsmittel“, d.h. der Etatposten, der die Anschaffung von Büchern gestattet, die in westlichen Währungen bezahlt werden mussten, den entsprechenden Bedarf nicht annähernd decken konnten. Auch die Wechselkurse wirkten sich verheerend aus: 1988 mussten für den Erwerb von Band 36 der „Archeologia Classica“ 1.895 Ost-Mark aufgewendet werden.

Bis zum Ende der 1960er Jahre wandelte sich auch der Status der Bibliothek auf einschneidende Weise. Die Bibliotheken der Universität wurden zu einem „Bibliotheksnetz“, später „Bibliothekssystem“ zusammengefasst und unter fachbibliothekarische Leitung gestellt. Mit der Dritten Hochschulreform der DDR wurden Fakultäten und Lehrstühle abgeschafft und durch straff organisierte Sektionen und Bereiche abgelöst. Die Bibliothek firmierte jetzt als „Bereichsbibliothek“ Klassische Archäologie innerhalb der größeren Einheit einer „Sektionsbibliothek“ Kunstwissenschaft.

Ein Beschluss des DDR-Ministerrats zu „Kleinen Fächern“ von 1971 sah vor, dass im Fach Klassische Archäologie in der DDR nur noch in Jena immatrikuliert werden sollte. Im eigentlichen Sinne gab es somit an der Humboldt-Universität keinen Studiengang „Klassische Archäologie“ mehr. De facto wurden dennoch einige wenige Studierende eingeschrieben, die als in Kunstgeschichte immatrikuliert einen Schwerpunkt „Antike Kunst“ studieren konnten. Die Bibliothek mutierte in dieser Zeit nicht nur faktisch, sondern auch offiziell zu einer Forschungsbibliothek für die Spezialgebiete der im „Bereich“ beschäftigten Wissenschaftler, d.h. die Arbeitsfelder der beiden Instituts- bzw. Bereichsleiter, Ludger Alscher und Wolfgang Schindler:
„Griechische Bildkunst“, „Römisches Porträt“ und „Archäologie der römischen Donauprovinzen“.

Zur Zeit der Wende 1990 war quantitativ wieder ungefähr der Buchbestand von 1944 erreicht, aber die qualitative Zusammensetzung war eine völlig andere. Durch den z.T. nicht kompensierten Verlust des Altbestandes sowie die eingeschränkte Anschaffung in den beiden letzten Jahrzehnten der DDR wies der Bestand eine erhebliche inhaltliche Unwucht auf. Das größte Probelm stellte der mangelhafte Zeitschriftenbestand dar. Positiv hob sich dagegen der Bestand an osteuropäischer archäologischer Literatur ab.
 

 

Die Wende brachte die Neueinrichtung des grundständigen Studienganges, eine Entspannung der Etatsituation und außerordentliche Zuwächse durch die Bibliothek Schindler und Dubletten aus den Staatlichen Museen. Die kontinuierliche Förderung durch Extramitteln der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung hat dazu beigetragen, die empfindlichen Lücken zu schließen und eine ausreichende Versorgung mit aktueller Fachliteratur sicherzustellen. Quantitativ hat sich der Buchbestand seit der Wende verdreifacht.

Während die Räumlichkeiten der Bibliothek geradezu Kultstatus genießen, hielt in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre der Online-Katalog Einzug, und die „Teilbibliothek Klassische Archäologie“ der „Zweigbibliothek“ Kunstwissenschaft wurde die erste bibliothekarische Einrichtung der Humboldt-Universität, deren Bestände vollständig im elektronischen Katalog erfasst waren.


(Stefan Altekamp)