Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Winckelmann-Institut

Abstract Ilyas Özsen

Ein so vermeintlich unscheinbares Objekt wie Draht kann für das Verständnis antiker Technologie und dem dazugehörigen Wissenstransfer aufschlussreich sein, wenn man seinen Herstellungsprozess näher beleuchtet und dabei über den Tellerrand einzelner Objektgattungen hinausschaut.

Trotz der großen Quantität an Material fehlt es bisher an einem Konsens bei der Frage nach dem Vorhandensein von Zieheisen und dem damit gewonnenen gezogenen Draht. Die derzeitige communis opinio zu dieser Problematik besagt, dass antike Drähte nicht gezogen wurden, wobei das Vorhandensein von Werkzeugen und metallographische Schliffbilder von Drähten zu einer anderen Aussage führen. Alleine die Herstellung aufwendiger Ketten und Kettenpanzer, die mehrere hundert Meter an Draht benötigen können, macht deutlich, dass eine ökonomisch sinnvollere Produktionsweise erforderlich war für solche Objekte.

Grundlegend für meine Arbeit ist der Nachweis der zum Drahtziehen benötigten Werkzeuge und die Produktionsspuren, die sich im Inneren des Drahts feststellen lassen. Die Beobachtungen werden experimentalarchäologisch zusammen mit Restauratoren und Goldschmieden erprobt, um eine genauere Vorstellung des Produktionsprozesses zu gewinnen.

Neben den Objektanalysen wird auch der hierbei ablesbare Prozess der Innovation beleuchtet. Es zeichnet sich bereits ab, dass der Innovationsprozess des Drahtziehens als exemplarisch gelten kann für Innovationsprozesse während der Antike. So ist die Entwicklung nicht als linear zu verstehen, was alleine durch eine große Lücke zwischen der Invention und der weiträumigen Diffusion der Methode des Drahtziehens deutlich wird, die im engen Kontext mit dem Bedarf an Kettenpanzern ab dem Ende der Frühlatènezeit steht.