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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Winckelmann-Institut

Institutsgeschichte



Die Geschichte des Winckelmann-Instituts

 

Die Geschichte der Archäologie an der Berliner Universität, wenn auch zunächst noch nicht als eines selbständigen Lehrfachs, ist so alt wie die Universität selbst. Zu den Erstberufenen der Alma Mater Berolinensis im Gründungsjahr 1810 gehörte der aus einfachsten Verhältnissen stammende, durch einen langen Italienaufenthalt und seine Bekanntschaft mit Herder, Goethe und Karl Philipp Moritz geprägte Aloys Hirt (1759 - 1837). Als ordentlicher Professor "der Theorie und Geschichte der zeichnenden Künste" hielt er von Anfang an archäologische Vorlesungen, besonders auf dem Gebiet der antiken Baukunst, und bestimmte, zugleich Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste, 40 Jahre lang das Berliner Kulturleben und die preußische Kulturpolitik entscheidend mit. Von ihm stammen erste Vorschläge zur Einrichtung eines öffentlichen Museums; mit seinen historischen und theoretischen Schriften zur Architektur wurde er zum "Ahnherrn der Berliner Bauforschung" (A. H. Borbein).

  An Hirts Seite trat 1816 zunächst als außerordentlicher, seit 1823 als ordentlicher Professor für Kunstgeschichte und Mythologie Ernst Heinrich Toelken (1785 - 1869). Die noch wenig ausgeprägte Spezialisierung der Geisteswissenschaften an der Universität zeigt sich darin, daß Toelken in seinen Lehrveranstaltungen weit über das ihm zugewiesene Lehrgebiet hinausgriff; er hielt unter anderem auch literaturgeschichtliche und philosophische Vorlesungen. Neben seinem Amt an der Universität stand er 28 Jahre lang dem Antiquarium des Museums vor und hatte leitende Positionen an der Akademie der Künste inne.
  Die enge personelle Verbindung mit den Museen und Akademien - außer den bereits genannten ist auch die 1799 gegründete Bauakademie zu nennen - hat das Profil der Berliner Universitätsarchäologie das gesamte 19. Jahrhundert hindurch geprägt und wesentlich zu ihrer außerordentlich großen öffentlichen Wirksamkeit beigetragen. Vor allem die Nähe der Museen, im wörtlichen und übertragenen Sinn, wirkte sich fruchtbar auf die Studienmöglichkeiten aus, solange die Universitätslehrer von ihren Verpflichtungen dort nicht über Gebühr beansprucht wurden.

  Ein weiteres Charakteristikum der Berliner Universitätsarchäologie in ihren Anfängen war die entschieden kunstwissenschaftliche Ausrichtung, die zugleich eine gewisse Distanz zur Philologie einschloss, der neben der Theologie einflussreichsten geisteswissenschaftlichen Disziplin. Erst seit der Mitte des Jahrhunderts kam es zu einer stärkeren Annäherung an die Philologie, wobei die Archäologie jedoch stets ihre organisatorische Eigenständigkeit bewahrte. Das war das genaue Gegenteil der Entwicklung an anderen deutschen Universitäten, wo sich in der Regel die Archäologie in einem längeren Prozess  aus der Philologie herauslöste und schrittweise der kunstwissenschaftlichen Thematik zuwandte.

 
Einrichtung des "Archäologischen Apparates"

 


Eduard Gerhard
Abb.: Antonia Weisse
Den entscheidenden Schritt zum Gewinn auch der institutionellen Selbständigkeit vollzog die Archäologie an der Universität 1851 mit der Einrichtung des "Archäologischen Apparates" durch Eduard Gerhard (1795 - 1867). Gerhard, Schüler des Philologen August Boeckh und im Jahre 1815 erster Doktor der Berliner Universität, hatte sich bereits große Verdienste durch die Edition archäologischer Corpora und die Mitwirkung an der Gründung des "Instituto di Correspondenza Archeologica" in Rom, des späteren Deutschen Archäologischen Instituts, erworben, als er 1843 in Berlin zum außerordentlichen und im folgenden Jahr zum ordentlichen Professor für Archäologie berufen wurde. Ungefähr gleichzeitig mit ihm erhielten 1843 Theodor Panofka (1800 - 1858) und 1844 Ernst Curtius (1814 - 1896) Rufe auf eine außerordentliche Professur, so dass nun, da auch Toelken noch bis 1865 tätig war, für etwa 15 Jahre gleichzeitig vier Professoren archäologische Vorlesungen hielten. Von 1854 bis 1863 kam dazu noch der Architekt Karl Boetticher (1806 - 1889) als Privatdozent.

  In seinen zahlreichen kleinen Schriften, vorwiegend ikonographisch-mythologischen Inhalts, erweist sich Gerhard, ähnlich wie Panofka, als Epigone der Romantik. Den aufkommenden Tendenzen des Historismus und Positivismus gemäßer waren die von ihm initiierten Sammelwerke und Corpora; am nachhaltigsten aber blieb sein Wirken als Organisator der Wissenschaft. Als solcher bewährte er sich in seiner Stellung als "Archäolog des Königlichen Museums", später als Direktor der Skulpturenabteilung, in seinen Funktionen an der Akademie sowie als spiritus rector der von ihm 1841 ins Leben gerufenen Archäologischen Gesellschaft. Angesichts so vielfältiger Aufgaben ist es nicht verwunderlich, dass er seinen universitären Verpflichtungen nur eingeschränkt nachkommen konnte und dass seine Vorlesungen lediglich mäßigen Anklang fanden. Auch an der Universität war sein größter Erfolg ein organisatorischer, eben die Stiftung des "Archäologischen Apparates", der zum Grundstock des späteren Winckelmann-Instituts werden sollte.

  Dieser "Apparat" war eine Lehrsammlung von 100 Büchern, Münzabdrücken, großformatigen Abbildungen ("Vorlegeblättern") und verkleinerten Kopien antiker Kunstwerke. Durch einen vom Ministerium genehmigten Etat wurde seine kontinuierliche Erweiterung gesichert. Noch bei Gerhards Tod 1867 war er aber in wenigen Schränken in den Hörsälen untergebracht, obwohl der Buchbestand schon 1860 die Zahl von mehr als 500 Bänden erreicht hatte; bis 1910 stieg er auf 6000.

 

Berufung Ernst Curtius'

Abb.: Antonia Weisse

  Im Jahre 1868 wurde Ernst Curtius, der 1856 nach Göttingen gegangen war, als Nachfolger Gerhards nach Berlin zurückberufen. Ähnlich wie Gerhard durch seinen frühen Aufenthalt in Italien, so war Curtius durch seine Jugendeindrücke auf den Reisen in Griechenland geprägt. Als entschiedener Vertreter des Historismus bemühte er sich in seinen Schriften um ein möglichst umfassendes Bild von griechischer Kultur, wobei ihn Geschichte, Geographie und Topographie mindestens im gleichen Maß beschäftigten wie archäologische Fragen. Waren seine wissenschaftlichen Interessen also anders ausgerichtet als die des Vorgängers, so ähnelte er diesem wiederum in der Art seiner Amtsführung. Auch er vereinigte in seiner Person eine große Zahl aufwendiger Ämter, darunter leitende Funktionen an den Museen, und tat sich als glänzender Organisator hervor. Seine bedeutendste Leistung in dieser Hinsicht ist zweifellos die Durchsetzung, Leitung und Publikation der Olympia-Grabung 1875 - 1881.

  Der archäologische akademische Unterricht, vor allem auf dem Gebiet der sich immer mehr spezialisierenden antiken Kunstgeschichte, wurde in dieser Zeit mehr von jüngeren Gelehrten, die meist hauptamtlich Museumsmitarbeiter waren, geprägt als von Curtius selbst. So unter anderem von Carl Friederichs (1831 - 1871), bereits seit 1859 außerordentlicher Professor, dem die Archäologie bedeutende Entdeckungen auf dem Gebiet der griechischen Plastik verdankt, der aber zu jung starb, um seinen Plan einer umfassenden Kunstgeschichte verwirklichen zu können. Von 1877 an als außerordentlicher und seit 1880 als ordentlicher Professor wirkte höchst erfolgreich und ohne Belastung durch ein Museumsamt Carl Robert (1850 - 1922), der Bearbeiter des ersten Sarkophag-Corpus, an der Universität; er verließ sie jedoch 1890, um den Hallenser Lehrstuhl einzunehmen. Auch der junge Museumsassistent Adolf Furtwängler (1853 - 1907), der die Kataloge der Berliner Gemmen und Vasen verfasste und 1893 seine epochalen "Meisterwerke der griechischen Plastik" vorlegte, hielt Vorlesungen, seit 1880 als Privatdozent, seit 1884 als außerordentlicher Professor, bis er 1894 seine erfolgreiche Tätigkeit an der Münchener Universität aufnahm. Privatdozent war von 1875 bis 1882 schließlich Georg Treu (1843 - 1921), der Erforscher der Plastik von Olympia und spätere Direktor der Dresdener Skulpturensammlung.

  Wie schon die Berufung Curtius', so erfolgte auch die seines Nachfolgers Reinhard Kekulé von Stradonitz (1839 - 1911) auf unmittelbare Intervention des Herrscherhauses - damals durch König Wilhelm I., jetzt durch Kaiser Wilhelm II., der als Prinz in Bonn bei Kekulé archäologische Vorlesungen gehört hatte und die Archäologie zeitlebens in ungewöhnlicher Weise förderte. Kekulé wurde 1889 zunächst Direktor der Skulpturenabteilung des Museums und Honorarprofessor an der Universität; ein Jahr später erhielt er den durch Roberts Weggang freigewordenen Lehrstuhl. Nach Curtius' Tod übernahm er dessen Ämter sowohl an der Universität wie am Museum. Mit ihm erlangte erstmals seit der Einrichtung des "Archäologischen Apparats" ein ausgesprochener Kunstspezialist, ein intimer Kenner der griechischen Plastik und Vertreter eines Neoklassizismus in Winckelmannscher Tradition, die führende Position in der Berliner Universitätsarchäologie. In seine Amtszeit fielen die großen Ausgrabungen der Museen in Magnesia und Priene sowie die Glanzperiode der Klassischen Philologie (seit 1897 unter Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff) und der Kunstgeschichte (seit 1901 unter Heinrich Wölfflin) an der Berliner Universität. Trotz Kekulés enger Verbindung mit Wilamowitz kam es nicht zu der angestrebten Eingliederung der Archäologie in das neugegründete Institut für Altertumskunde. Ob dafür die von beiden Seiten angeführten räumlichen Schwierigkeiten allein verantwortlich waren, ist nicht ganz klar; jedenfalls zog Kekulés Nachfolger die Konsequenzen aus der inzwischen eingetretenen separaten Entwicklung der Fächer.

 

Neubau des Westflügels unter Georg Loeschke


Georg Loeschke
Abb.: Antonia Weisse
  Nach Kekulés Tod erhielt 1912 der in Bonn als Universitätslehrer außergewöhnlich erfolgreiche Georg Loeschcke (1852 - 1915) den Ruf nach Berlin. In der kurzen Zeit seines Wirkens hier setzte er seine ganze Energie für den Ausbau des "Apparates" zu einem selbständigen, leistungsfähigen archäologischen Seminar ein; man kann ihn wohl mit Recht als dessen zweiten Begründer nach Eduard Gerhard bezeichnen. In zähen Berufungsverhandlungen setzte er seine Forderungen nach neuen Räumen und vermehrten Finanzmitteln durch und forcierte entscheidend den Neubau des westlichen Nordflügels der Universität, der ganz für die Altertumswissenschaften bestimmt war. Diese enorme räumliche Erweiterung war insbesondere deshalb notwendig, weil Loeschcke im Einvernehmen mit Theodor Wiegand, seit 1911 Nachfolger Kekulés als Direktor der Antikenabteilung des Museums, die Übernahme der inzwischen gewaltig angewachsenen Sammlung der Gipsabgüsse aus dem Neuen Museum in den Besitz der Universität betrieb. Zugleich erweiterte er den Bestand an originaler antiker Kleinkunst durch Ankäufe, Schenkungen und die Übernahme von Dauerleihgaben der Museen zu einer stattlichen Lehrsammlung, die zusätzlich durch Aquarellkopien kretischer und mykenischer Wandfresken und galvanoplastische Reproduktionen von Waffen, Geräten und Gefäßen ergänzt wurde. Durch die Einrichtung einer Diathek mit 5300 Diapositiven und einer Fotothek mit über 4800 Fotografien sorgte er für die Ausstattung des Seminars mit modernen Lehrmitteln und erweiterte auch den Buchbestand beträchtlich.

  Diese enorme Kraftanstrengung zum Ausbau des Seminars konnte Loeschcke nur dadurch aufbringen, dass er, anders als seine Vorgänger, auf ein Museumsamt verzichtete und sich ausschließlich den Universitätsaufgaben widmete; unter den folgenden Direktoren blieb das die Regel. Auch zur Forschung und Publikation fand er, der vorher vor allem mit Arbeiten zur mykenischen Keramik hervorgetreten war, in den drei Berliner Jahren kaum mehr Zeit. Umso größer war sein Erfolg in der Lehre; er hat "mehr durch seine Schüler als durch seine
Abb.: Antonia Weisse
Schriften oder durch die Ergebnisse seiner Forschung gewirkt" (F. Matz).

  Nach Loeschckes unerwartetem Tod war es seinem Nachfolger Ferdinand Noack (1868 - 1931), dem ersten Bauforscher auf dem Berliner Lehrstuhl seit Hirt, vorbehalten, das begonnene Werk zu Ende zu führen. 1916 von Tübingen nach Berlin berufen, konnte er die Bibliothek, die Dia- und Fotothek sowie die Lehrsammlung weiter ausbauen; vor allem aber fällt in seine bis 1931 dauernde Amtszeit die äußerst aufwendige Einrichtung der ca. 2500 Exponate umfassenden Abgusssammlung, die das gesamte Obergeschoß des neuen Universitätsflügels einnahm. Am Seminar entwickelte sich in den 20-er Jahren ein lebendiger Studienbetrieb; neben Noack lehrten als Honorarprofessoren oder Privatdozenten unter anderen so namhafte Forscher wie Hans Dragendorff, Robert Zahn, Valentin Müller, Friedrich Matz d. J. und Gerhart Rodenwaldt.

 

 

 

Rodenwaldt und das "Winckelmann-Institut"


Abb.: Antonia Weisse
  Rodenwaldt (1886 - 1945) erhielt, aus Gießen kommend, die Honorarprofessur 1922 neben seinem eigentlichen Amt als Generalsekretar (seit 1929 Präsident) des Deutschen Archäologischen Instituts. Er war ein ebenso vielseitiger Gelehrter wie hervorragender Organisator; beide Qualitäten konnte er etwa bei der Leitung des Corpus der antiken Sarkophagreliefs beweisen, die er im gleichen Jahr 1922 von seinem Lehrer Carl Robert übernommen hatte. Sie bewährten sich auch, als er 1932 aus dem Dienst des Instituts ausschied und das Ordinariat an der Universität übernahm. Nächst Loeschcke hat er am meisten zum Ausbau und zur Erweiterung der Arbeitsmöglichkeiten des Seminars beigetragen. Bereits in seinem ersten Amtsjahr erreichte die Fotothek einen Umfang von 30000, die Diathek von 27000 Stück. Wesentlichen Zuwachs erfuhr unter ihm auch die Abgusssammlung. Die Raumkapazität wurde durch den Einbau von Zwischengeschossen um etwa ein Fünftel vergrößert. 1941 erhielt das Seminar zur Unterscheidung vom Deutschen Archäologischen Institut den Namen "Winckelmann-Institut"; es war in dieser Zeit das führende archäologische Universitätsinstitut in Deutschland.

  Dass Rodenwaldt einen solchen Erfolg unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Herrschaft  erzielen konnte, war nicht ohne verbale Zugeständnisse möglich. Sie blieben jedoch ephemer und verletzten nicht die wissenschaftliche Integrität des Forschers und Lehrers, der in seinen Schriften mit vorsichtigen Worten auch Kritik an der herrschenden Ideologie anklingen ließ. Es spricht für Rodenwaldts diplomatisches Geschick, dass er die internationalen Kontakte beträchtlich ausbauen konnte. Zeitweise studierten bis zu 22 ausländische Studenten am Institut, von denen viele nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren Heimatländern führende Positionen erlangten.                        

  Rodenwaldts wissenschaftliches Werk hat so viele Facetten,
Rodenwaldt
Abb.: Antonia Weisse
dass es nicht mit wenigen Worten zu umreißen ist. Trotz seiner im Grunde neoklassizistischen Haltung hat er sich besonders um die Erforschung der römischen Kunst, und innerhalb dieser wiederum um die der Spätantike, besonders verdient gemacht. "Es gibt aber", wie es in dem von Theodor Wiegand formulierten Wahlvorschlag für die Akademie der Wissenschaften heißt, "im ganzen Bereiche der Kunstarchäologie kaum ein Gebiet, auf dem Rodenwaldt nicht mit Erfolg gearbeitet hätte."

  Die letzten Jahre vor Rodenwaldts tragischem Freitod im April 1945 waren von der Sorge um die Erhaltung des Instituts und insbesondere der Abgusssammlung, die seit 1942 zunehmend von Bombenschäden betroffen war, bestimmt. Nicht zuletzt durch den tatkräftigen Einsatz seiner Studenten und Mitarbeiter, unter ihnen des späteren Tübinger Ordinarius Ulrich Hausmann (1917 - 1996), konnte der größte Teil der wertvollen Bestände gerettet werden.

 

Wiederaufbau ab 1945


  Die ersten Jahre der materiellen und geistigen Wiederaufbauarbeit seit 1946 standen unter der Leitung von Carl Weickert (1885 - 1975). Neben ihm wirkten als Professoren mit Lehrauftrag Friedrich Wilhelm Goethert (1907 - 1978) und Gerhard Kleiner (1908 - 1978). Beide verließen 1948 das Haus Unter den Linden, um ihre Arbeit an der neugegründeten Freien Universität in Westberlin fortzusetzen; Weickert gab sein Amt 1950 auf, um sich ganz den Aufgaben als Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts zu widmen, die er bereits seit 1947 in Personalunion wahrnahm.

  1951 wurde aus Jena Ludger Alscher (1916 - 1985) auf den archäologischen Lehrstuhl an der seit 1949 den Namen Humboldt-Universität führenden Alma Mater berufen. Als Schüler von Friedrich Matz und Ernst Buschor vertrat er eine streng stilanalytische Methode, die er in seinem fünfbändigen Werk zur griechischen Plastik eindrücklich demonstrierte. Aus Alschers ‚Schule’ ist ein großer Teil der später in der DDR bzw. der ehemaligen DDR tätigen Klassischen Archäologen hervorgegangen, darunter die Lehrstuhlinhaber in Jena und Rostock, Gerhard Zinserling und Konrad Zimmermann, sowie sein eigener Nachfolger in Berlin, Wolfgang Schindler.

  Die Arbeit des Instituts vollzog sich in der DDR unter schwierigen äußeren und inneren Bedingungen. Räumlich auf einen Bruchteil des ehemaligen Bestandes beschränkt, ohne Zugang zu der 1944 ausgelagerten und 1948 an die Freie Universität überführten Bibliothek, in weitgehender Isolation von der nationalen und internationalen Fachwelt, einem ständig zunehmenden ideologischen Druck ausgesetzt, waren der Initiative der Mitarbeiter enge Grenzen gezogen. Zudem wurden die Studentenzahlen durch staatliche Reglementierung auf ein Minimum begrenzt. Unter diesen Umständen war es ein für die künftige Entwicklung nicht hoch genug einzuschätzender Erfolg, dass sich das Institut in einem Teil der ihm zustehenden Räume behaupten und die fachliche Arbeit von ideologischer Beeinflussung weitgehend freihalten konnte.

  Mit der 1981 durchgeführten Konferenz zum römischen Porträt gelang es erstmals wieder, auf breiterer Basis den Kontakt zur internationalen Forschung herzustellen - eine Entwicklung, die seit 1982 unter der Leitung von Wolfgang Schindler (1929 - 1991) in vorsichtigen Schritten weiter verfolgt wurde. Schindler hatte sich zunächst auf dem Gebiet der Vasenforschung qualifiziert, später dann aber immer mehr der Archäologie der römischen Balkanprovinzen zugewandt – einem Gebiet, das ihm, anders als die Kernländer des klassischen Altertums, durch Reisen problemlos zugänglich war. Mit seinen seit 1980 erschienenen größeren Publikationen verfolgte er, wie das in der DDR sehr verbreitet war, vor allem das Ziel der Vermittlung von Forschungsergebnissen über die Grenzen der Fachwelt hinaus.

 

Das Institut nach der Wiedervereinigung


  Neue Perspektiven eröffneten sich dem Institut durch die friedliche Revolution des Herbstes 1989 und die anschließende Wiedervereinigung Deutschlands. Vom Wintersemester 1991/92 an stieg die Zahl der Studierenden kontinuierlich; unter den Neuimmatrikulierten waren auch solche, die sich seit Jahren vergeblich um ein Archäologiestudium bemüht hatten. Die Zahl der Lehrveranstaltungen pro Semester wurde um ein Vielfaches erweitert; im Frühjahr 1992 fand die erste große Auslandsexkursion in die Türkei statt. Der Aufbruch wäre kaum möglich gewesen ohne die Mitarbeit von Fachkollegen aus den ‚alten’ Bundesländern, die gleich in den ersten Monaten ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Stellvertretend seien hier Veit Stürmer, der sich große Verdienste bei der Wiedergewinnung der Sammlungsräume und der Neueinrichtung der Institutssammlung erwarb, und Detlev Kreikenbom genannt, der von 1991 bis 1997 zunächst als Lehrbeauftragter, dann als Gastprofessor das akademische Leben am Institut entscheidend prägte. Die Leitung des Instituts nahm nach der plötzlichen Erkrankung und dem Tod Wolfgang Schindlers von Oktober 1991 bis März 1995 kommissarisch Detlef Rößler wahr, der 1994 zum Professor berufen wurde.

  1995 folgte Henning Wrede (geb. 1939) aus Köln einem Ruf auf den Berliner Lehrstuhl. Unter seinen weit gespannten Forschungsinteressen nehmen die römische Archäologie sowie die Antikenrezeption und Frühgeschichte der Archäologie in Renaissance und Barock einen bevorzugten Platz ein; er hat aber auch zur klassischen und hellenistischen Plastik, zu griechischen Bildnissen und zu verschiedenen anderen Themen publiziert. In Wredes Amtszeit, die 2005 endete, konnte sich das Institut räumlich erweitern und seine internationalen Kontakte ausbauen; die Zahlen der Studierenden stiegen weiter an.
 

 


Detlef Rößler†
(Juni 2008)



Literaturauswahl

S. Ahrens – H. Wrede, Der Archäologische Lehrapparat von Eduard Gerhard und die Sammlung des Winckelmann-Instituts, in: H. Bredekamp – J. Brüning – C. Weber (Hrsg.), Theater der Natur und Kunst. Theatrum naturae et artis, Essays (2000) 173-185.

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ders., Ernst Curtius, Alexander Conze, Reinhard Kekulé. Probleme und Perspektiven der Klassischen Archäologie zwischen Romantik und Positivismus, in: K. Christ (Hrsg.), L’antichità nell’Ottocento in Italia e Germania. Die Antike im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland (1988) 275-302.

ders., Ernst Curtius, in: W. Ribbe (Hrsg.), Berlinische Lebensbilder, 4. Geisteswissenschaftler (1989) 157-174.

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G. Heres, Ernst Curtius als Archäologe, FuB 16, 1974, 129-148.

R. Hurschmann, Die unteritalischen Vasen des Winckelmann-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin (1996).

T. Kraus, Carl Weickert, 24.2.1885 – 1.5.1975, RendPontAc 49, 1976-77, 3-10.

E. Langlotz, Georg Loeschcke, 1852 – 1915, in: Bonner Gelehrte. Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn. Philosophie und Altertumswissenschaften (1968) 233-238.

R. Lullies – W. Schiering (Hrsg.), Archäologenbildnisse. Porträts und Kurzbiographien von Klassischen Archäologen deutscher Sprache (1988) passim.

F. Matz, Die Archäologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität von der Reichsgründung bis 1945, in: H. Leussink – E. Neumann – G. Kotowski (Hrsg.), Studium Berolinense. Aufsätze und Beiträge zu Problemen der Wissenschaft und zur Geschichte der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin (1960) 581-613.

M. Oppermann, Carl Robert und die Klassische Archäologie, in: J. Ebert – H.-D. Zimmermann (Hrsg.), Innere und äußere Integration der Altertumswissenschaften. Konferenz zur 200. Wiederkehr der Gründung des Seminarium Philologicum Hallense durch Friedrich August Wolf (1989) 178-182.

D. Rößler, Wolfgang Schindler, 6. Januar 1929 – 9. Dezember 1991, in: D. Rößler – V. Stürmer (Hrsg.), Modus in rebus. Gedenkschrift für Wolfgang Schindler (1995) 1-8.

W. Schindler u. a., Gerhart Rodenwaldts Beitrag zur Klassischen Archäologie, WissZBerl 35, 1986, H.8, 627-736.

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C. Sedlarz (Hrsg.), Aloys Hirt. Archäologe, Historiker, Kunstkenner (2004).

V. Stürmer – H. Wrede, Ein Museum im Wartestand. Die Abgusssammlung antiker Bildwerke (1998).

V. Stürmer, Gilliérons minoisch-mykenische Welt. Glanzstücke aus der Sammlung des Winckelmann-Instituts, in: H. Bredekamp – J. Brüning – C. Weber (Hrsg.), Theater der Natur und Kunst. Theatrum naturae et artis. Katalog (2000) 80-98.

H.Wrede (Hrsg.), Dem Archäologen Eduard Gerhard, 1795-1867, zu seinem 200. Geburtstag (1997).