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Humboldt-Universität zu Berlin - Kultur-, Sozial- und Bildungswissen­schaftliche Fakultät - Institut für Archäologie

Totenkult im Tempelgrab

Projektleitung: Dr. Julia Budka

Mitarbeiterinnen: Sabine Tschorn, Nicole Mosiniak, Julia Preisigke (studentische Hilfskräfte)

Gefördert von der Gerda Henkel Stiftung
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(http://www.gerda-henkel-stiftung.de)

(1) Projekt

Gegenstand des Projekts „Totenkult im Tempelgrab“ sind besonders signifikante Elemente im Wesen und in der Entwicklung des ägyptischen Totenkults im 1. Jahrtausend v. Chr. Dabei wird exemplarisch vom Grab des Anch-Hor (6. Jahrhundert v. Chr.) im Asasif, einem Teilbereich der thebanischen Nekropole, ausgegangen (Abb. 1). In diesem Areal kam es während der Spätzeit (722 v. Chr. bis 332 v. Chr.) zu einer Blütezeit für Elitebestattungen. Die höchsten Beamten wurden wie Anch-Hor in sehr spezifischen Anlagen bestattet, die unter dem Namen „Tempelgräber“ bekannt sind, da ihre äußere Form und ihr innerer Aufbau an Heiligtümer für Gottheiten erinnern (Abb. 2 und 3).
Anhand der Dokumentation und Analyse der Funde aus dem Grab des Anch-Hor (Abb. 2) sollen eruiert werden: (1) mögliche Beziehungen zwischen dem spezifischen Totenkult und der Grabarchitektur der Spätzeit, (2) Besonderheiten des Totenkults in einem Tempelgrab im Unterschied zu Kulthandlungen in vorangehenden Perioden, (3) Textzeugnisse und bildliche Darstellungen, die den materiellen Befund zur Rekonstruktion der funerären Praxis in Tempelgräbern unterstützen sowie (4) die diachrone Entwicklung ritueller Handlungen im Grab des Anch-Hor bis ins 3. Jahrhundert v. Chr.

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Abb. 1: Überblick über das Asasif, Blick von Westen nach Osten.

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Abb. 2: Das Grab von Anch-Hor im Asasif: der heutige Zustand des Oberbaus (Blick nach Süden)

(2) Das Grab des Anch-Hor (TT 414) (Abb. 2 und 3)

Die Anlage wurde unter der Leitung von Manfred Bietak in den 1970er Jahren von einer österreichischen Mission im Asasif ausgegraben. Es handelt sich um den monumentalen Grabbau des Obersthofmeisters der Nitokris (26. Dynastie) namens Anch-Hor. TT 414 wurde von der österreichischen Mission restauriert und teilweise rekonstruiert, ist heute für Touristen zugänglich ist und wurde 1978 und 1982 als zweibändige Monographie publiziert, in der neben dem Bau- und Grabungsbefund die in situ dokumentierten Funde vorgelegt wurden. Die Masse der Funde ist jedoch bislang unveröffentlicht und wurde im provisorischen Magazin der Grabung vor Ort belassen.
Der Oberbau von TT 414 zeigt mit zwei Pylonen die klassische Einteilung eines saitischen Tempelgrabs in drei Höfe, die alle unüberdacht blieben (Abb. 2). Die unregelmäßige Form des Oberbaues entlang der Nordwand ist durch die Rücksichtnahme auf das kleine Nachbargrab (Grab XVII) bedingt. Das Tor des 1. Pylons, der vermutlich einst eine Höhe von 15 Ellen aufwies, wurde von mindestens zwei Bäumen flankiert. Der Vorplatz des Grabes war wohl wie ein Garten gestaltet; auch im ersten Hof wurden Baumgruben festgestellt. Der erste Trakt der unterirdischen Anlage ist bis zum „Lichthof“ vermutlich vom Grab des Ibi übernommen worden.
Der „Lichthof“, der ein gemeinsames Merkmal der Tempelgräber ist und wohl mit osirianischem Gedankengut zu verknüpfen ist, zeigt in TT 414 eine einmalige Besonderheit. Normalerweise betritt man den „Lichthof“ und verlässt diesen durch ein Tor an der gegenüberliegenden Seite. Beim Grab des Anch-Hor hingegen kommt man an der Südwand in den „Lichthof“ und geht an der Westseite weiter in die Pfeilerhalle. Dementsprechend sind die Pfeilerumgänge L-förmig angelegt, da sie diese geknickte Kultrichtung berücksichtigen. Am Pfeiler 4 im Lichthof befinden sich die bekannten Imkerszenen, die in ähnlicher Form auch im Grab des Pabasa auftreten und wohl zur Auflockerung des Bildprogramms dienen sollten.
Grabkegel fehlen beim Grab des Anch-Hor und auch sonst gibt es einige Indizien, die gegen eine vollständige Ausführung der Anlage (speziell des Oberbaus) sprechen.

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Abb. 3: Rekonstruktion des Oberbaus von TT 414 und benachbarten Anlagen (aus: Eigner 1984).

(3) Das Asasif (Abb. 1)

Der Teil der thebanischen Nekropole, der das Asasif genannt wird, liegt zwischen dem Talkessel von Deir el-Bahari und dem Fruchtlandrand. Im Norden schließt der Nekropolenteil namens Dra Abu el-Naga an, im Süden folgt der Abschnitt, der als el-Chocha bezeichnet wird. Seit der 11. Dynastie wurde dieses Gebiet mit Gräbern hoher Persönlichkeiten belegt, doch eine besondere Blütezeit erlebte das Areal in der Spätzeit (8.-4. Jh. v. Chr.). Wesentlich gestaltet war die Landschaft durch die drei Aufwege zu den königlichen Tempeln in Deir el-Bahari (Mentuhotep Nebhepetre, Hatschepsut und Tuthmosis III.), die in Ost-West-Richtung durch das Asasif in den westlich gelegenen Talkessel verliefen. Noch heute sichtbar sind im Asasif vor allem die Oberbauten der monumentalen Grabanlagen der Spätzeitnekropole (25./26. Dynastie; z.B. die Gräber des Pabasa, Monthemhet, Padihorresnet, Anch-Hor, Scheschonk und Harwa), die so genannten Tempelgräber.

(4) Der spätzeitliche Grabtyp „Tempelgrab“ (Abb. 3)

Während der Kuschiten- und Saitenzeit entstanden im Asasif die größten Beamtengräber aller Zeiten in Ägypten, wobei das herkömmliche Konzept des thebanischen Felsgrabs aufgegeben wurde. Kennzeichnend für diese spätzeitlichen Gräber sind eine Lage in der Ebene sowie ein freistehender Oberbau aus Schlammziegeln, in der Regel mit einem Eingangspylon. Die unterirdische Anlage (Kult- und Bestattungsräume) besitzt meist gewaltige Ausmaße, sie wurde aus dem Fels gemeißelt und ist über eine Treppe zugänglich. Ein nach oben offener Hof („Lichthof“) ist charakteristisch für diese Bauten, ansonsten sind mehrere Pfeilerräume, Korridore und Sanktuare, die zur Grabkammer führen, zu nennen (Abb. 3).
Die monumentalen „Tempelgräber“ sind in bautechnischer Hinsicht von großem Interesse, denn die verschiedensten Bautraditionen, von den archaischen Königsgräbern, über die Vorstellung des Osirisgrabs, königliche Felsgräber des Neuen Reichs und Millionenjahrhäuser bis hin zum Konzept des privaten Felsgrabs,  wurden in ihnen zu einem innovativen und sehr komplexen Ganzen vereint.
Nicht nur ihrer Architektur verdanken diese Monumentalgräber die Bezeichnung „Tempelgräber“ – auch in ihrer konzeptionellen Hinsicht stehen die Tempelbauten nahe. So wurden innerhalb der Anlagen auch verschiedene Götterkulte (z.B. Hathor, Re und Osiris) gepflegt und dienten dabei der Unterstützung des eigentlichen Totenkultes. Die Betonung des Götterkults im Totenkult der Spätzeit ist keine plötzliche Neuerung, sondern steht am Endpunkt einer langen Entwicklung. Wie besonders Assmann erarbeitet hat, kann seit dem Neuen Reich, hauptsächlich seit der Ramessidenzeit, von einer zunehmenden Sakralisierung gesprochen werden. Göttliche und königliche Sphären werden miteinander vermischt, der Osiris-Aspekt wird im Totenkult immer stärker betont, wie beispielsweise die Gestaltung von Särgen, die Verwendung von Amuletten oder auch Kornmumien und kleine Osiriskapellen zeigen, und schlägt sich auch in der Grabarchitektur nieder, beispielsweise im Konzept der „begehbaren Unterwelten“ oder eben in den Oberbauten der Gräber, die zunehmend die Gestalt eines Tempels annehmen. Das Grab ist schon in der Ramessidenzeit zum Ort der Verehrung der Götter durch den Verstorbenen geworden und diese Entwicklung wurde fortgesetzt und kontinuierlich verstärkt.

(5) Das Fundmaterial

Die monumentalen „Tempelgräber“ im Asasif gehören in Theben zu den bekanntesten Monumenten aus der Spätzeit. Die aufwendige Architektur der Grabbauten, ihr Bild- und Textprogramm, die allesamt sowohl Innovationen als auch Rückgriffe auf verschiedene Epochen erkennen lassen, waren bereits Gegenstand mehrerer Studien. Kaum bekannt oder durch Publikationen zugänglich ist hingegen das zugehörige Fundmaterial, das letztlich die einzigen sicheren Ansatzpunkte zur Rekonstruktion der Belegung und Nutzungsdauer der Bauten liefern kann, meist aber nur sehr fragmentarisch erhalten ist.
An diesem Punkt, einem noch unzureichenden Verständnis der Bestattungspraktiken und v.a. des Kultvollzugs in den thebanischen Monumentalgräber der Spätzeit, setzt das neue Forschungsprojekt an.
Das Fundmaterial aus TT 414 ist momentan auf verschiedene Orte verteilt und wird im Rahmen des Projekts so umfassend wie möglich gesichtet und dokumentiert werden:
-    Magazin der österreichischen Grabungen vor Ort im Asasif (v.a. fragmentierte Sarg-, Schrein- und Statuenreste, bereits 2007-2009 größtenteils dokumentiert)
-    Kunsthistorisches Museum Wien, Ägyptisch-Orientalische Sammlung (v.a. Kleinfunde und Sargfragmente von den österreichischen Grabungen)
-    Ägyptisches Museum Kairo (v.a. Kleinfunde und Sargfragmente von den österreichischen Grabungen)
-    British Museum London (v.a. Stelen und Kleinfunde, aus der unsystematischen Räumung des Grabes im 19. Jahrhundert)
-    Louvre Paris (v.a. Schrein- und Statuettenfragmente und weitere Kleinfunde, aus der unsystematischen Räumung des Grabes im 19. Jahrhundert)
-    Museo Egizio Turino (v.a. Stelen und Kleinfunde, aus der unsystematischen Räumung des Grabes im 19. Jahrhundert)

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Abb. 4: Kultinstallationen im Lichthof des Grabs des Anch-Hor (TT 414): Ein Ensemble aus Opfertafel und Opferbecken, mit Ausrichtung zum Tempel von Karnak (26. Dynastie, Rekonstruktion vor Ort).

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Abb. 5: Materielle Relikte von Kulthandlungen im „Lichthof“ von TT 414: Räucherkelche aus ptolemäischer Zeit, wie sie in großer Zahl in TT 414 gefunden wurden und die bei Räucherungen im Toten- und Festtagskult zum Einsatz kamen.

(6) Literaturhinweise

Allgemein zu Tempelgräbern (Neues Reich-Spätzeit)

Assmann, Jan 2003. The Ramesside tomb and the construction of sacred space, in: The Theban Necropolis, Past, Present and Future, hrsg. von N. Strudwick/J. H. Taylor, London, 46-52.
Eigner, Dieter 1984. Die monumentalen Grabbauten der Spätzeit in der Thebanischen Nekropole, Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 8, Untersuchungen der Zweigstelle Kairo 6, Wien.
Frood, Elizabeth 2007. Biographical Texts from Ramessid Egypt, Society of Biblical Literature, Writings from the Ancient World 26, Brill-London-Boston.
Graefe, Erhart 2003. Das Grab des Padihorresnet, Obervermögensverwalter der Gottesgemahlin des Amun (Thebanisches Grab Nr. 196), mit Beiträgen von Jan Quaegebeur (†), Peter Dils und Diethelm Eigner, Monumenta Aegyptiaca IX, Tournhout.
Kuhlmann, Klaus-Peter & Wolfgang Schenkel 1983. Das Grab des Ibi, Obergutsverwalters des Amun, Band 1 (Text und Tafeln), Archäologische Veröffentlichungen 15, Mainz am Rhein.
Pischikova, Elena 2008. The Pharaonic Renaissance (25th and 26th Dynasties), in: Egyptian Renaissance: Archaism and the Sense of History in Ancient Egypt, Ausstellungskatalog, Museum of Fine Arts, Budapest, August 8 – November 9 2008, hrsg. von F. Tiradritti, Budapest, 81–89.
Quack, Joachim F. 2006. Das Grab am Tempeldromos. Neue Deutungen zu einem spätzeitlichen Grabtyp, in: „Von reichlich ägyptischem Verstande“. Festschrift für Waltraud Guglielmi zum 65. Geburtstag, hrsg. von K. Zibelius-Chen & H.-W. Fischer-Elfert, Philippika 11, Wiesbaden, 113–132.
Rummel, Ute 2009. Grab oder Tempel? Die funeräre Anlage des Hohenpriesters des Amun Amenophis in Dra‘ Abu el-Naga (Theben-West), in: Texte – Theben – Tonfragmente, Festschrift für Günter Burkard, hrsg. von D. Kessler u.a., Ägypten und Altes Testament 76, Wiesbaden, 348–360.
Schreiber, Gabor 2008. The Mortuary Monument of Djehutymes II, Finds from the New Kingdom to the Twenty-Sixth Dynasty, Budapest.
Tiradritti, Francesco 2005. Archaeological Activities of the Museum of Milan in the tomb of Harwa (TT 37) and Akhimenru (TT 404). October–December 2001, in: Annales du service des antiquités de l’Égypte 79, 169–178.
Traunecker, Claude 2008. Le palais funéraire de Padiamenopé redécouvert (TT 33), in: Egypte, Afrique et Orient 51, 15–48.

Spezifisches zum Projekt und TT 414

Bietak, Manfred & Elfriede Reiser-Haslauer 1978. Das Grab des Anch-Hor, Obersthofmeister der Gottesgemahlin Nitokris I. Mit einem Beitrag von Erhart Graefe und Relief- und Fundzeichnungen von Heinz Satzinger, Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 6, Untersuchungen der Zweigstelle Kairo 4, Wien.
Bietak, Manfred & Elfriede Reiser-Haslauer 1982. Das Grab des Anch-Hor, Obersthofmeister der Gottesgemahlin Nitokris II. Mit Beiträgen von Joachim Boessneck, Angela von den Driesch, Jan Quaegebeur, Helga Liese-Kleiber und Helmut Schlichtherle und Relief- und Fundzeichnungen von Heinz Satzinger, Denkschriften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 7, Untersuchungen der Zweigstelle Kairo 5, Wien.
Budka, Julia 2008. Neues zu den Nutzungsphasen des Monumentalgrabes von Anch-Hor, Obersthofmeister der Gottesgemahlin Nitokris (TT 414), in: Ägypten & Levante 18, 61–85.
Budka, Julia 2009. Neues zum Grab des Anch-Hor (TT 414, Asasif): Der „Lichthof“, in: Sokar 18, 80–87.
Budka, Julia 2010a. Ankh-Hor Revisited: Study, Documentation and Publication of Forgotten Finds from the Asasif/Thebes, in: Fifth Central European Conference of Egyptologists. Egypt 2009: Perspectives of Research, Pultusk 2009, hrsg. von J. Popielska und J. Iwaszczuk, Acta Archaeologica Pultuskiensia, Pultusk, 23–31.
Budka, Julia 2010b. Bestattungsbrauchtum und Friedhofsstruktur im Asasif. Eine Untersuchung der spätzeitlichen Befunde anhand der Ergebnisse der österreichischen Ausgrabungen in den Jahren 1969–1977, Denkschriften der Gesamtakademie 59, Untersuchungen der Zweigstelle Kairo des Österreichischen Archäologischen Instituts 34, Wien.
Budka, Julia 2010c. Wiederbestattungen im Grab des Anch-Hor (TT 414): Neufunde der Kampagne 2009, in: Sokar 20, 88–93.
Budka, Julia im Druck a. The use of pottery in funerary contexts during the Libyan and Late Period, in: Social and Religious Development of Egypt in the First Millenium BCE, International workshop Charles University Prague 2009, hrsg. von F. Coppens [erscheint Prag, 2010–11].
Budka, Julia im Druck b. Bestattungsabläufe im Monumentalgrab von Anch-Hor, Obersthofmeister der Gottesgemahlin Nitokris (TT 414),  in: Ägypten & Levante 20, 47–64 [erscheint Wien, 2010].